Eines vorweg: Inception kann bei weitem nicht dem so oft herangezogenen Vergleich mit “The Matrix” stand halten. Im Gegenteil: Inception ist der Beweis dafür, dass die Menschen, die sich heute in ein Kino setzen und einen Film schauen, schon vorab von den Medien bearbeitet wurden; sei es Internet, Radio oder TV. Denn schon vorher kann man lesen – wie in der Spiegel-Online Filmkritik – dass der Film sehr anspruchsvoll und teilweise verworren sei und dem geneigten Zuschauer die volle Aufmerksamkeit und Konzentration über 150 Minuten abverlangt. Genau das geben dann auch die mittelmäßig begabten Radiomoderatoren in den Frühstücksradios wieder, die befragten Leute nach der Preview plappern es brav nach. Keiner muss sich selbst mehr Gedanken zum Film machen. Ergebnis ist, dass dann auch ein mittelmäßig herausfordernder Streifen zum “Hochintelligenten Blockbuster” hochstilisiert wird.
Die Handlung in Kürze: Cobb (Leonardo DiCaprio) dringt in Träume ein und entweder er stiehlt dort einen Gedanken oder er muss, wie eben bei Inception, einen Gedanken im tiefsten einpflanzen. „incept halt“. Sein Auftrag im Film ist es, den Milliardenerben Robert Fisher Jr. “auf die Idee” kommen zu lassen, sein Firmenerbe zu zerschlagen. Beauftragt wird dies -klar- durch einen Konkurrenten Saito. Schade dass wir nie erfahren werden, ob das wirklich geklappt hat. Christopher Nolan verlässt nämlich irgendwann – zumindest inhaltlich – diesen Pfad und konzentriert sich auf Handlungsstrang Zwei: Dieser ist geprägt durch Cobbs verstorbene Frau Mal, die immer wieder in “seinen” Träumen auftaucht und ihm einen Strich durch die Rechnung macht. Wie wir am Ende des Films erfahren werden – darf sie zu Recht ein wenig angefressen sein. Die Auflösung seiner Ängste und tiefsten Wünsche des mit dem Tod seiner Frau zusammenhängenden Traumas begleitet den Film als geschickter Rahmen und übernimmt dann am Ende die Haupthandlung. Zunächst muss aber Cobb diesen Gedanken beim Erben platzieren, um vielleicht vom Trauma erlöst zu werden. Dies tut er mit einer Truppe von Spezilisten und nicht nur im „Ersten“ Traum des Erbes, sondern im Traum, im Traum, im Traum. 3. Ebene. Und diese Ebenen sind eben nicht irgendwie verwirrend dargestellt, wie die Kritik behauptet, sondern vom Set her sauber getrennt. Dafür sorgt im Film schon Nachwuchsarchitektin Ariadne [Ellen Page], die die Traumwelten entwirft. Deren Rolle als Architektin ist für mich im Übrigen viel zu wenig entwickelt und hätte deutlich mehr Potenzial gehabt. Schade. Also, die Traumwelten sind alle durchweg sauber getrennt: Flugzeug, Van, Hotel, Alpenmilitär-Basis… kann man auseinander halten – auch nach einer Flasche Gavi di Gavi. Das Cobb sich wie selbstverständlich in jeder Ebene immer wieder in einen Traumzustand versetzt, um in die nächste Ebene abzutauchen, wird anfänglich dramatisiert und für “unmöglich” erklärt, da die Stabilität der Träume nicht ausreiche; kurz erläutert, wird dieses „Detail“ dann im weiteren Verlauf nahezu ausgeblendet und Cobb springt von Ebene zu Ebene.
Wirklich gut gelungen ist Nolan die Darstellung der zeitlichen “Verschiebungen” – also der gefühlten oder vielmehr geträumten Zeitrelation zwischen den Traumebenen. Während in Echtzeit 10 Stunden vergehen, sind es in den Träumen, je nach Ebene, Tage oder gar Jahre. Der synchronisierte “Kick” ist ein Highlight im Film, auch bildmäßig. Und dann natürlich das Ende, was Freunde eines Offenen Endes hassen werden.
Insgesamt ein solider Streifen, aber nicht überragend – wenig Schwächen, aber auch keine richtigen Stärken. An ein “The Matrix has you” kommt er bei Weitem nicht heran. Aber vielleicht sind unsere Kinosensoren ja in den 10 Jahren der Abstinenz bei allen möglichen Schrittfilmen degeneriert und wir freuen uns schon über ein wenig Hirntraining im Cinema. Ist aber nur ein Sauerstofflauf!